die siedlung hebbelstrasse - so bunt wie ein papagei*

spielstubeNichts hält sich so hartnäckig wie ein Vorurteil. Das bekommen die Bewohnerinnen und Bewohner der Hebbelstraße fast jeden Tag zu spüren. Zwar wurde die ehemalige Obdachlosensiedlung schnell zu einem normalen Wohngebiet umgebaut, das Negativbild der Hebbelstraße blieb aber bis heute: "Ghetto, viele Ausländer, Verwahrlosung, asoziales Verhalten".

Was ist nun dran an diesem Image?

Ein Ghetto ist ein städtebaulich erzwungenes und räumlich begrenztes Wohngebiet für eine bestimmte Gruppe von Menschen. Die Standortwahl der ehemaligen Obdachlosensiedlung Hebbelstraße zeichnete sich – wie damals allgemein üblich – durch eine Abgrenzung vom übrigen Wohngebiet aus. Eingeschlossen von Tangente, einem Gürtel Kleingartenvereinen und einem Industriegebiet ist die Siedlung so etwas wie ein kleines Dorf im Stadtgebiet. Auf Grund dieser räumlichen Isolierung findet ein Großteil des sozialen Lebens in diesem "Dorf" statt. Und dieses Leben hat es in sich. Es ist so bunt wie wohl in keinem anderen Stadtteil. Christen und Moslems, Deutsche und Roma, Sinti sowie Türken und Kurden praktizieren auf engstem Raum ein Zusammenleben, das in vielen Punkten beispielhaft für andere Wohngebiete ist und sich durch seine Offenheit und Freiheiten im sozialen Miteinander auszeichnet.

strasseSo vielfältig dieses Miteinander ist, hat es doch auch einen prägenden gemeinsamen Nenner – die Armut. Die sich andernorts erst langsam herausbildende Trennung mit räumlicher Formierung zwischen arm und reich bestand in der Hebbelstraße von Anfang an. Die für fast alle Bewohnerinnen und Bewohner geltende materielle Unterversorgung nimmt ein Spiegelbild von gesellschaftlicher Zukunft schon einmal vorweg: die Kultur der Armut.

Langanhaltende Armut bedeutet oftmals schleichende Ausgrenzung aus umfassenden Bildungsprozessen, weil sie nicht mehr bezahlt werden können. Sie bedeutet gesundheitliche Unterversorgung, weil medizinische Hilfe aus Kostengründen herausgeschoben werden muss und Ernährung nicht mehr über die Frage von Gesundheit, sondern über die des Preises geregelt wird. Die allgegenwärtigen Fragen hebbel"Was kann ich mir noch leisten, was nicht?" oder "Wie kann ich den nächsten Monat überstehen, wenn ich xy noch bezahlen muss?" bedeuten psychischen Dauerstress, der sich irgendwann auf die Gesundheit niederschlägt. Ständig Kindern und sich selber Wünsche verwehren zu müssen, erzeugt Frustration oder Minderwertigkeitsgefühl.

In Einzelfällen führt das zur völligen Selbstaufgabe, Flucht in Drogen, Verwahrlosung. Aber diese Einzelschicksale werden nicht ausgegrenzt. Vielmehr rücken fast alle Bewohnerinnen und Bewohner näher zusammen, bilden kleine Netzwerke und unterstützen sich gegenseitig. Und diese soziale Gemeinschaft ist das Wesentliche der Siedlung Hebbelstraße mit ihren 130 Wohnungen.

 

*) Im Rahmen der Bürgerbaustelle Quartiersplatz Hebbelstraße – einem Nachbarschaftsprojekt von Bewohnern der Hebbelstraße, der Nibelungen-Wohnbau GmbH, dem Beschäftigungsbetrieb der Stadt Braunschweig, der Spielstube Hebbelstraße, der ARGE Braunschweig und dem Bildungsverein für kulturoffensive Praxis KoPra e.V. – wurden Bewohner gebeten, ihre Siedlung einmal kurz und knapp zu beschreiben.. Frau A. überlegte kurz und sagte dann: "Die Hebbelstraße ist wie ein Papagei, so bunt und lebendig wie ein Papagei".

 


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